Emilio Vedova

Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen

5. Juli 2026 –

1. November 2026

abstraktes Gemälde von Emilio Vedova aus dem Jahr 1964. Die Komposition ist geprägt von dynamischen, überlappenden Pinselstrichen in Schwarz, Weiß und Gelb. Die Linien und Flächen verlaufen teils diagonal, teils vertikal und horizontal, wodurch eine energetische, bewegte Struktur entsteht. Einzelne Bereiche sind mit kräftigen gelben Akzenten hervorgehoben. Die Farbflächen und Linien wirken spontan und gestisch, ohne erkennbare figürliche Motive.

Die Ausstellung „Emilio Vedova – Mehr als Bewegung um ihrer selbst willen“ widmet sich dem Schaffen des venezianischen Informellen Emilio Vedova (1919–2006) und nimmt insbesondere dessen Arbeiten der 1960er-Jahre in den Blick, die während seines Aufenthalts im Nachkriegsdeutschland entstanden sind.

n. 6, 1964
Acryl, Tempera und Tinte auf Papier, 36,6 x 27 cm
Fondazione Emilio e Annabianca Vedova, Venedig

Als Vedova 1963 mit einem Stipendium nach Berlin kam, hatte er sich in der westdeutschen Kunstszene bereits einen Namen gemacht — nicht zuletzt durch seine Beteiligungen an den ersten beiden documenta-Ausstellungen in Kassel.

Die junge Bundesrepublik stand zu dieser Zeit in einem hochbrisanten Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Einerseits war sie noch stark gezeichnet von den Nachwirkungen des Nationalsozialismus und den tiefgreifenden Folgen des Zweiten Weltkrieges, andererseits geprägt durch den gefährlichen Ost-West-Konflikt des Kalten Krieges. Zugleich wuchs das Bedürfnis der Menschen nach Veränderung und Neubestimmung. Diese angespannte Atmosphäre wurde für den Künstler zum entscheidenden Impulsgeber. In der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, aber auch mit den politischen Gegensätzen sowie sozialen und generationenübergreifenden Konflikten seiner Zeit entwickelte Vedova eine Bildsprache von außergewöhnlicher Energie und Dringlichkeit.

Omaggio a Dada Berlin ’64/’65 n. 13, 1964–65,
Vinyl-Acryl und Papier auf mehrseitigen Holzelementen,
Eisenscharniere, 305 × 180 × 300 cm
Fondazione Emilio e Annabianca Vedova, Venedig

Skulptur von Emilio Vedova aus bemalten, schräg angeordneten Holzplatten mit abstrakten Formen in Rot, Blau, Schwarz und Grau auf hellem Boden

Die Ausstellung zeigt rund 30 Werke aus den Jahren 1963 bis 1965, darunter Collagen, Papierarbeiten und insbesondere die sogenannten „Plurimi“—bewegliche Bildtafeln, mit denen Vedova die Grenzen der Malerei aufbrach und diese in den Raum hinein erweiterte.

Emil Schumacher (1912–1999) und Emilio Vedova schätzten einander sehr. Die Verbindung zwischen den beiden Malern ist für die Ausstellung im Emil Schumacher Museum von großer Bedeutung: Vedova wie auch Schumacher verkörpern zentrale Positionen des Informel und entwickelten von der gestischen Abstraktion kommend jeweils eigenständige künstlerische Handschriften. Im Land des jeweils anderen erlebten sie große Erfolge. Doch einte sie weit mehr als die formale Nähe und ihre gestisch-expressive Arbeitsweise. Ihr Verhältnis beruhte vielmehr auf ihrer persönlichen Verbundenheit und hohen gegenseitigen Anerkennung.

Emilio Vedova wird nicht nur als einer der wichtigsten Vertreter der europäischen Nachkriegskunst gewürdigt, sondern auch als ein Künstler, dessen Werk tief in die politischen und gesellschaftlichen Debatten seiner Zeit eingebunden ist. Die Ausstellung des informellen Italieners belegt die heutigen Interpretationen des Informel als politischen Ausdruck ihrer Zeit besonders anschaulich.

In Verbindung mit der Schau werden Arbeiten des Malers Bert Jäger (1919–1998) gezeigt, der Emilio Vedova 1962 kennenlernte. Die unter dem Titel „Sucht man nach verwandten Geistern“ präsentierten Bilder stammen aus der Sammlung von Irina und Helmut Laaff.

Kunstwerk von Emilio Vedova, das aus mehreren übereinandergelegten Papierschichten besteht. Verschiedene Materialien wie Pastell, Tinte und Metallklammern sind sichtbar. Im unteren Bereich befindet sich ein großformatiges, schwarz-weißes Fotofragment mit einer historischen Szene, in der eine Person in Uniform mit Abzeichen zu sehen ist. Darüber liegen weitere Papierschichten mit handschriftlichen und teils übermalten Schriftzügen. Die Komposition wirkt dynamisch und collageartig, mit sichtbaren Rissen, Überlagerungen und Spuren gestischer Bearbeitung.

(Berlin 1920 – DADA), 1964
Papier, Pastell, Tinte und Metallklammern auf Papier
43,5 × 22 cm, (Detail)
Fondazione Emilio e Annabianca Vedova, Venedig

In Kooperation des Kunsthaus Dahlem, Berlin, mit dem Museum Lothar Fischer, Neumarkt i.d.OPf., sowie dem Emil Schumacher Museum, Hagen, unterstützt von der Fondazione Emilio e Annabianca Vedova in Venedig.

Mit freundlicher Unterstützung von Ingrid und Helmut Laaff

Titelbild: Emilio Vedova, (Berlin 1920 – DADA), 1964, Papier, Pastell, Tinte und Metallklammern auf Papier, 43,5 × 22 cm, (Detail), Fondazione Emilio e Annabianca Vedova, Venedig

Fotos: Vittorio Pavan © Fondazione Emilio e Annabianca Vedova, Venedig

Begleitprogramm

Donnerstag
17. September 2026
Vortrag Highlight
Junge Frau mit Blonden, glatten Haaren steht vor einem abstrakten Gemälde und erzählt gestikulierend.
18:00 UHR
"Ich könnte nie vorsätzlich malen, mir unterläuft das"
Bert Jäger als Maler des Informel

In dem Vortrag stellt die Berliner Kuratorin Philine Pahnke Jägers erste Schaffensphase in den frühen 1960er-Jahren in den Mittelpunkt und charakterisiert sein Wirken im Kontext des Informel. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Verbindung Bert Jägers zu Emilio Vedova und auf dem Einfluss, den dieser auf Jägers Werk hatte.

Katalog

Zur Ausstellung ist ein zweisprachiger Katalog (dt./engl.) erschienen, herausgegeben von Dorothea Schöne, mit Texten von Rouven Lotz, Philine Pahnke und Dorothea Schöne.